Es sieht so aus, als ob die Autobahn 20 zwischen Lübeck und Mecklenburg rechtzeitig fertig wird. Schon im September wird auf den 11.5 Kilometern die Deckschicht aufgetragen.
Am liebsten wäre Gerhard Diedrichs, "wenn wir unsere Traditionsschere nehmen". Zum Durchschneiden des Flatterbandes, wenn das letzte Stück Autobahn zwischen Lübeck und Mecklenburg freigegeben wird. Gleichzeitig mit dem Grönauer Anschluss. An dem Tag bleibt der Leiter des Straßenbauamtes eher im Hintergrund, überlässt den Spitzenpolitikern beider Länder und dem Bundesverkehrsminister die Bühne.
Die Schere, sagt er, sei etwa 20 Jahre alt. Sie hat schon viele Freigaben erlebt. Und er selbst auch."Jede Freigabe haben wir eingraviert." Bloß, ob mit dieser Schere wirklich geschnitten wird, vermag Diedrichs nicht zu sagen. Auch nicht, ob es Erbsensuppe gibt. Die gehöre zu einer solchen Feierlichkeit zwar eigentlich dazu. Erbsensuppe für alle, für die Minister und die Arbeiter. Aber da reden andere noch ein Wörtchen mit. Bei der Gästeliste allemal.
Und an welchem Tag genau das Zeremoniell sein soll, weiß der oberste Straßenbauer der Region ebensowenig. Ihm wäre der 18. Dezember am liebsten. "Weil genau an diesem Tag vor drei Jahren das erste Teilstück von Lübeck aus frei gegeben wurde."
Die Chancen, dass es tatsächlich der 18. sein wird, stehen gut. Die noch 120 Arbeiter auf der 11,5 Kilometer langen Strecke malochen volle Kelle.
Zwei Sachsen greifen mit Handzangen nach Steinquadern. Sie wollen ihre richtigen Namen nicht nennen. "Schreiben sie Lollek und Bollek", sagen sie. Die Sonne hat ihnen die Haut versengt. Eine weiße Cremeschicht haben sie sich ins Gesicht geschmiert. "Sonnenschutzfaktor 40. Sonst verbrennt man hier". Mehr Zeit für Worte haben sie nicht. Sie bücken sich wieder über den Straßenrand, setzen Bordsteine, legen Rinnen, damit später das Regenwasser abläuft. Ihr einziger Luxus bei dieser Knochenarbeit: Musik aus dem Radio. Die kann dudeln, so laut wie sie wollen. Die Männer machen einen einsamen Job. Weit und breit kein Mensch. Nur die Kieslaster wirbeln manchmal Staub auf. Aber sie kommen jetzt seltener vorbei.
Dort, wo noch Teile des Klempauer Moores zu erkennen sind, wo neben der Autobahn riesige Saugbagger den wässrigen Boden abgesaugt und durch feinen Sand ersetzt haben, dort sitzt "ein wahrer Künstler" in seinem Führerhaus. Sein Langarm-Bagger klopft den Boden des Seitenwalls fest. Diedrichs zeigt Hochachtung vor seiner Leistung: "Diese Leute haben den Ehrgeiz, dass der Wall ganz glatt wird."
Drei Arbeiter lehnen unter einer Brücke gegen ihren Brummi. Mittagspause im Schatten. Andere sitzen erschöpft in Kleinbussen. Die aufgeklappte Brottasche neben sich. Essen, trinken, ein paar Minuten dösen. Eine halbe Stunde Ruhe. Dann geht's weiter. Die Zeit drängt. Aber sie sind gut im Zeitplan. Bis auf die Deckschicht haben die Arbeiter fast das gesamte Teilstück fertig. Nur auf einem knappen Kilometer beim Klempauer Moor Ost liegt noch Sand als Frostschutz statt Trag-und Binderschicht auf der Trasse. Er soll verhindern, dass sich Eislinsen bei Bodenfrost unter der Fahrbahn bilden. "Ende dieser Woche ist das fertig", sagt Bauüberwacher Thomas Grajewski.
In wenigen Tagen werden die letzen Betonplatten über der Wakenitz eingebaut. Die Deckschicht, vier Zentimeter dickes Bitumengemisch, das, was der Autofahrer wahrnimmt, soll ab Mitte September überall aufgetragen werden. Dann rollen 50 Sattelschlepper an, 40 Tonner. Gewissermaßen der Endspurt. Zwei Wochen dauert das. Dann sind es noch wenige Wochen, bis der Verkehr rollen darf. Doch nicht zu schnell. Diedrichs spricht von einer Begrenzung auf 100 Stundenkilometer. "Wegen der engen Kurven". Im Mecklenburger Teil dürfte es flotter zur Sache gehen.
Gelbe Blumen leuchten auf den Seitenwällen in Höhe des südlichen Grönauer Zubringers. Dort, wo statt einer Abbiegespur und zwei Ampelanlagen auf der Bundesstraße zwei Kreisel entstanden sind. Der südliche, eine so genannte holländische Rampe, der nördliche, eine traditonelle Schleife, sollen das Einfädeln des Autobahnverkehrs erleichtern. Dort hat Gerhard Gillert einen Plastikkorb umgeschnallt, streut "Böschungsgemisch ohne Klee". Den ganzen Tag am schrägen Hang. "Abends sind wir fix und fertig." Der Saatmann und seine Kollegen kommen aus Rendsburg, reisen jeden Morgen an. "Nützt ja nichts". Er greift in seinen Korb, die Samen rieseln durch seine Finger. "Wir müssen eben dahin gehen, wo wir Arbeit finden."
Die Abfahrt wird wohl bleiben. Selbst, wenn Groß Grönau eine weitere Autobahnanbindung von der neuen Bundestraße 207 im Norden erhalten hat. Die Neue ist für Bürgermeister Hans-Georg Weißkichel genauso wichtig, weil er nach der Freigabe den Durchgangsverkehr zur Autobahn aus dem südlichen Lübeck fürchtet. "Zur Zeit", sagt er, "rollen durch unseren Ort täglich 12 000 Autos. Dann werden es 20 000 sein." Da müsse etwas getan werden. Auf die Frage allerdings, wann die zusätzliche Abfahrt im Norden Grönaus kommt, zuckt Straßenbauamtsleiter Diedrichs die Achseln. "Den Planfeststellungsbeschluss erwarten wir noch in diesem Jahr". Aber niemand wisse, wann alle Hürden überwunden sind.
Bis dahin sind die Bauüberwacher der Autobahn aus der Villa in Blankensee längst ausgezogen. Mit ihren meterlangen Plänen, die sie zerschneiden mussten, weil die Wände nicht ausreichen. Mit ihren hunderten Ordnern, die schon auf dem Fußboden stehen. Sie machen weiter auf der anderen Seite am Lübecker Ende, rollen weiter im Landrover über sandige Pisten. Messen, planen, bauen. Das sei ja das schöne an dem Job, findet der Behördenleiter. "Wir schaffen was Bleibendes."
Von Uwe Krog
Kieler Nachrichten, 9.8.04